Wie eine Runde Tetris vor traumatischen Social Media Inhalten schützt
Social Media verstärkt traumatisierende Inhalte durch algorithmische Priorisierung. Die Tetris-Intervention bietet ein evidenzbasiertes Akut-Tool mit systemischen Lösungsansätzen.
Social Media verstärkt traumatisierende Inhalte durch algorithmische Priorisierung. Die Tetris-Intervention bietet ein evidenzbasiertes Akut-Tool mit systemischen Lösungsansätzen.
Autor: Tobias Müller, ispringen.dev
Social Media ist kein neutrales Medium. Es fungiert als Verstärker emotionaler Inhalte und beschleunigt die Verbreitung traumatisierender Materialien über die Kapazitäten der Content-Moderation hinaus. Die Algorithmen priorisieren Inhalte mit hoher emotionaler Valenz, unabhängig davon, ob diese positiv oder negativ besetzt sind. Kriegsvideos, Unfallaufnahmen oder andere verstörende Inhalte erreichen so Nutzer, die darauf nicht vorbereitet sind.
“Eine Studie mit 1.289 Teilnehmern zeigt: Intensive Social-Media-Nutzung korreliert mit einem 2,8-fach erhöhten Depressionsrisiko.”
Eine Studie der Universitäten Arkansas und Pittsburgh aus dem Jahr 2021 zeigt, dass intensive Social-Media-Nutzung mit einem 2,8-fach erhöhten Depressionsrisiko korreliert. Die Untersuchung umfasste 1.289 Teilnehmer zwischen 18 und 30 Jahren. Das oberste Quartil der Nutzer wies signifikant höhere depressive Symptome auf als das unterste Quartil. Dieser Effekt blieb auch nach Kontrolle für reduzierte physische Aktivität bestehen. Besonders betroffen sind vulnerable Gruppen, etwa Personen mit vorbestehenden Angststörungen oder depressiven Symptomen. Sie nutzen Social Media häufiger, möglicherweise als Coping-Strategie, werden jedoch durch Vergleichsdruck und Cybermobbing zusätzlich belastet.
Die Geschwindigkeit der Verbreitung traumatischer Inhalte übersteigt die Reaktionszeit von Moderationssystemen. Ein Video aus einer Krisenregion kann innerhalb von Minuten tausendfach geteilt werden, bevor Plattformen es identifizieren und entfernen. Die Universität Würzburg warnt vor einer vereinfachten Kausalinterpretation: Nicht die Nutzung selbst, sondern die algorithmische Verstärkung emotionaler Inhalte ist das zentrale Problem. Social Media dient in Krisenzeiten wie der COVID-19-Pandemie sowohl als Verbindungsmittel als auch als Belastungsfaktor. Das Ulmer Universitätsklinikum dokumentiert, dass exzessive Nutzung mit Depressionen, Angststörungen, Essstörungen und Selbstverletzungen assoziiert ist.
“Algorithmen priorisieren emotionale Inhalte; traumatisierendes Material verbreitet sich schneller, als Plattformen es moderieren können.”
Diese Dynamik schafft ein strukturelles Dilemma. Plattformen können traumatisierende Inhalte nicht vollständig verhindern, und Nutzer sind oft unvorbereitet, wenn sie damit konfrontiert werden. Hier setzt die Tetris-Intervention an: als niedrigschwelliges Werkzeug für den Moment nach der Exposition.
Die Tetris-Intervention basiert auf einem präzisen neurowissenschaftlichen Mechanismus. Das Gehirn verarbeitet traumatische Erinnerungen primär über visuelle Verarbeitungszentren. Diese Bilder manifestieren sich später als Flashbacks, nicht als narrative Erinnerungen. Tetris nutzt diesen Umstand gezielt aus. Das Spiel erfordert mentale Rotation, eine räumlich-visuelle Aufgabe, die dieselben kognitiven Ressourcen beansprucht wie die Konsolidierung traumatischer Bilder.
Emily A. Holmes, Professorin an der Uppsala University und Leiterin des PERCEPT-Labors, erklärt den Ansatz als “imagery-competing task intervention”. Tetris konkurriert mit den visuellen Verarbeitungsprozessen, die sonst für die Festigung traumatischer Erinnerungen genutzt werden. Dieser Mechanismus ist nicht neu. Er ähnelt dem Wirkprinzip von EMDR, einer etablierten Traumatherapie, die ebenfalls auf visuelle Konkurrenz setzt.
“Die Tetris-Gruppe verzeichnete eine signifikante Reduktion von Flashbacks – sowohl kurzfristig als auch im sechsmonatigen Follow-up.”
Die Studie der Uppsala University, veröffentlicht in BMC Medicine, untersuchte 164 Gesundheitsarbeiter, die während der COVID-19-Pandemie traumatische Erfahrungen gemacht hatten. Die Teilnehmer wurden randomisiert in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Tetris-Gruppe durchlief ein strukturiertes Protokoll: eine kurze Edukation über aufdringliche Erinnerungen, eine Einführung in mentale Rotation und eine 20-minütige Tetris-Session. Die Kontrollgruppe hörte stattdessen einen Philosophie-Podcast. Die Ergebnisse zeigen einen klaren Unterschied. Die Tetris-Gruppe verzeichnete eine signifikante Reduktion von Flashbacks, sowohl kurzfristig als auch im sechsmonatigen Follow-up. Die Kontrollgruppe zeigte nur langsame Verbesserungen.
Holmes betont, dass die Intervention aus drei Komponenten besteht: Edukation, mentale Rotation und Tetris-Spiel. Es handelt sich nicht um einfaches Spielen, sondern um ein therapeutisch gerahmtes Protokoll. Der Effekt ist zeitlich begrenzt. Tetris muss unmittelbar nach der Reaktivierung einer traumatischen Erinnerung eingesetzt werden, um die Konsolidierung der Bilder zu stören. Dieses Zeitfenster ist entscheidend. Spätere Anwendungen zeigen keine vergleichbare Wirkung.
Tetris ist kein Ersatz für eine Therapie, aber ein wirksames Akut-Tool. Nutzer sollten eine Tetris-App auf ihrem Smartphone installieren, um im Fall einer unerwarteten Trauma-Exposition sofort handeln zu können. Das Szenario ist konkret: Nach dem Sehen eines belastenden Videos auf Social Media aktiviert man kurz die Erinnerung, übt mentale Rotation und spielt 20 Minuten Tetris. Dieser Ablauf kann die Häufigkeit von Flashbacks reduzieren.
Die Methode hat klare Grenzen. Sie lindert akute Symptome nach Exposition, behandelt jedoch keine manifeste PTBS. In kontrollierten Umgebungen, etwa im Gesundheitswesen, funktioniert die Intervention besser als in der diffusen Social-Media-Welt. Nutzer sind dort oft unvorbereitet und handeln unter Stress. Ich denke, dass die Awareness für solche Selbsthilfe-Tools gestärkt werden muss. Viele Nutzer wissen nicht, wie sie auf traumatische Inhalte reagieren sollen.
Die Studie der Uppsala University zeigt, dass bereits eine einzige Session ausreicht, um langfristige Effekte zu erzielen. Das macht Tetris zu einem praktikablen Werkzeug für den Alltag. Die App sollte einfach zu bedienen sein und keine komplexen Anleitungen erfordern. Eine Progressive Web App oder native Mobile-App wäre ideal, da sie schnell verfügbar ist und keine Installation im akuten Moment erfordert.
Tetris ist nur ein Teil der Lösung. Plattformen und Entwickler tragen eine Verantwortung, die Trauma-Exposition durch systemische Maßnahmen zu begrenzen. Social-Media-Algorithmen sollten emotionale Inhalte nicht priorisieren, insbesondere wenn diese traumatisierendes Material enthalten. Ein Vergleich mit Suizidprävention liegt nahe. Plattformen wie Instagram oder TikTok haben bereits Mechanismen implementiert, um suizidale Inhalte zu erkennen und Nutzer zu unterstützen. Ähnliche Warnsysteme wären für traumatisierende Inhalte denkbar.
Eine Browser-Extension könnte Nutzer diskret auf Inhalte mit hoher emotionaler Valenz hinweisen und sie zur Tetris-Intervention leiten. Solche Tools existieren bereits in anderen Bereichen, etwa für digitale Gesundheitsvorsorge. Meditations-Apps zeigen, dass niedrigschwellige Lösungen eine wichtige Rolle spielen können. Die Extension müsste jedoch sensibel gestaltet sein, um keine zusätzliche Belastung zu erzeugen.
Zukünftige Forschung sollte die Tetris-Intervention auf andere Hochstress-Populationen ausweiten, etwa Militärangehörige oder Einsatzkräfte. Die Generalisierbarkeit der Studie ist derzeit auf Gesundheitsarbeiter beschränkt. Eine breitere Validierung wäre notwendig, um die Methode als Standard-Tool zu etablieren. Plattformen könnten solche Studien unterstützen, indem sie anonymisierte Nutzungsdaten bereitstellen oder Pilotprogramme initiieren.
Ich denke, dass die Kombination aus individueller Selbsthilfe und systemischen Anpassungen der effektivste Weg ist. Nutzer brauchen Werkzeuge wie Tetris, aber Plattformen müssen ihre Algorithmen und Moderationssysteme so gestalten, dass traumatisierende Inhalte gar nicht erst viral gehen.
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Tobias Müller (2026): Social Media als unfreiwillige Quelle traumatischer Exposition: Die Tetris-Intervention als Akut-Tool. https://ispringen.dev Lizenz: CC BY 4.0 – Namensnennung erforderlich.